Leiden auf hohem Niveau

Paolo Giordano:"Tasmanien" (Verlag Suhrkamp) | 18.8.2023
Tasmanien könnte eine Option sein. Reichlich Süßwasservorräte, klimatisch gute Lage und als Insel klein genug zur Verteidigung. Sollte die Welt wirklich den Bach runtergehen. Und das wird sie. Außer wenn die totale Auslöschung der Menschheit enttabuisiert würde. Und das wird wahrscheinlich nicht passieren. Also sollte jeder einen Plan B haben...
Ausgerechnet in Zeiten von Terroranschlägen, Wirtschaftskrise und Klimawandel, versucht Paolo, Journalist und Autor, ein Buch über ein heikles Thema,  die Atombombe, zu schreiben. Gerät aber ziemlich schnell in eine Schreibblockade und Schaffenskrise. Getrieben vom vermeintlichen Ende seiner Ehe, einer tiefen Traurigkeit und dem Wunsch, sich neu zu erfinden, ergreift Paolo die Flucht nach vorn. Reist durch die Welt, berät sich mit Wolkenexperten und Klimaaktivisten. Besucht Vorträge zur Terrorismusbekämpfung und Nachhaltigkeit. In einsamen Hotelzimmern lässt er sein Leben Revue passieren. Erinnert sich an bizzare Liebesspiele, groteske Freundschaftdienste, die Unfähigkeit ein gemeinsames Kind zu zeugen. Während einer Gedenkfeier in Hiroshima und später in Nagasaki wird Paolo klar, dass alles passiert, was passieren muss. Dass alles miteinander zusammenhängt und nicht immer einen Sinn ergeben kann. Es ist leicht daran zu verzweifeln aber auch der Mühe wert, sich dem entgegenzustellen.
Da holt uns aber einer ganz schön ab! Gut zu wissen, dass es anderen Menschen ähnlich geht und man nicht allein so unglücklich, über den Status quo der Welt ist. Obwohl wir ja "alles haben", nicht im Krieg sind und eigentlich auf sehr hohem Niveau jammern. Fragt sich nur, wie lange noch...
Ein sensationelles, wichtiges Buch! So klug und genial komponiert! Und großartig übersetzt von Barbara Kleiner.
Lesen!
Unbedingt!