
Zwischen Berlin, Moskau und Kiew versuchen zwei Geschwister Forschungsergebnisse zur Unsterblichkeit, bzw. absoluten Lebenverlängerung für einen Pharmakonzern zu stehlen. Während Lada Botendienste in Berlin für den Patenonkel Boris verrichtet, geht ihr Bruder Konstantin über Leichen (die allerdings schon ziemlich lange und ziemlich tot im Mausoleum zu Forschungszwecken herumliegen) und verliert sich im Gerümpel der labyrinthischen Gänge, unter Lenins letzter Ruhestätte. Beide arbeiten in geheimer Mission für den Patenonkel, der nichts gutes im Schilde führt und direkt aus Bulgakows "Meister und Margarita" entsprungen sein könnte. Wie auch dämonische Katzen, Pferdefüßige und Widergänger. Und wenn Konstantin unter dem Kremel rastlos nach des "Pudels Kern" sucht, auf mysteriöse Gestalten trifft, die auf- und wieder abtauchen, fühlt man sich gar an "Twin Peaks" erinnert und ist froh im sicheren Lesesessel zu sitzen. Vom Untergang der Sowetunion bis zum russischen Angriff auf die Ukraine (man erfährt auch gleich, wie es ausgeht), wird hier alles verhandelt, was Osteuropa bis heute prägt und gleichzeitig traumatisiert.
David Hastings hat eine langes und erfolgreiches Arbeitsleben hinter sich. Eigentlich noch nicht bereit für irgendeine Art von Ruhestand, zwingt ihn eine Demenz-Diagnose, sich zu verabschieden, bevor sein Verstand das tun wird. In die Schweiz soll es gehen, zum assistierten Suizid. Bei einem Zwischenstopp in London, will er seine Tochter (wie heißt bloß nochmal sein Enkel?) ein letztes Mal sehen. Irritiert fragt sich David, seit wann seine Tochter mit einer Frau verheiratet ist (schon sehr lange) und erinnert sich an sein eigenes homoerotisches Begehren und einer Erklärung, die er seinem besten Freund schuldig geblieben ist. Eine Schuld, die unbedingt beglichen werden muss, bevor es zu spät ist. Während sein Verstand und die Gegenwart zunehmend nebulös und immer lückenhafter werden, selbst Spickzettel und kleine Storyboards keinen Sinn mehr ergeben, reisen wir mit David zurück in die Vergangenheit, verstehen, was einen Menschen ausmacht. Im Flugzeug, Zug oder im Taxi sitzen wir in seinem Kopf und erfahren fast körperlich, wie es ist, wenn sich alles um einen herum auflöst, die Sprache ihre Bedeutung verliert und die Frage, was bleibt, nach dem eigenen Verschwinden, nicht mehr zu beantworten ist.
Das ist ein Wahnsinn, dieses Buch!
Nie war so über Demenz zu lesen, erschreckend und tröstlich zugleich.
Emma Cline ist eine Göttin und kann einfach über ALLES schreiben!
Brillant übersetzt von Nikolaus Stingl
Lesen!
Unbedingt lesen!
Heimesbach (eigentlich Hermeskeil), ein Dorf im Hundsrück, mit einer unleugbaren NS-Vergangenheit. Erstes Dorf dass "judenfrei" war und als Paradebeispiel für die NSDAP galt. Die Lücken, die 45 deportierte Juden zurückgelassen haben, von Profiteuren der Nazizeit aufgefüllt, werden durch Lügen und Verleugnung viele Jahre unsichtbar gemacht. Ehemalige Nazis bekleiden wichtige Ämter, ein KZ-Arzt kann ungehindert weiter praktizieren, Mitläufer der Pogrome erfinden sich neu und weisen jede Schuld von sich. Ein Enkel versucht seinem Großvater die Wahrheit abzutrotzen, doch dessen Narrativ stimmt mit der Geschichtsschreibung nicht überein. Zwei, aus dem Iran geflüchtete Familien, finden eine neue Heimat in Heimesbach und sind doch die, die nie so richtig dazu gehören. Egal, wie sehr sie sich anstrengen. Es gibt Anfeindungen und Übergriffe, die schnell an die Nazizeit erinnern und die Angst vor Abschiebung allgegenwärtig machen. Wie wenig man aus der Geschichte gelernt hat, zeigt uns ihre Sicht auf Deutschland. Es kommen viele Stimmen zu Wort und die Zeitspanne, in der erzählt wird, reicht von 1920 bis weit in das Jahr 2000.
Anton ist Jude und wenig überzeugt von seiner Religion. Ein Akademikersohn, dem das Leben leicht von der Hand geht. Alma kommt aus einfachen Verhältnissen, ohne religiösen Hintergrund und glaubt eigentlich nur an das, was sie sehen und verstehen kann. Beide studieren in Berlin, kennen sich von einem Schüleraustausch und brauchen ein paar Anläufe, bis aus einer losen Freundschaft eine große, verbindliche und tiefe Liebe wird. Die beiden ziehen zusammen und während für Alma klar ist, mit wem sie den Rest ihres Lebens verbringen will, bekommt Anton kalte Füße und entschließt sich kurzerhand in New York seine Masterarbeit zu schreiben.
Obwohl Leni mit ihren fünf Geschwistern eine schöne Kindheit, auf einem umgebauten Bahnhof in Thüringen, hatte, ist ihr ganzes Leben von einer Lehrstelle geprägt. Einer Lücke über die niemand spricht und die erst spät einen Namen hervorbringt: Lori. Warum weder Vater noch Mutter das Kind, dass diesen Namen trug, je erwähnten und was es mit dieser ersten Tochter auf sich hat, erfährt Leni erst spät, als sie schon selbst erwachsen ist. Ein alter Mutterpass, nie abgeschickte Briefe und eine Kiste voll vergessener Bilder und Dokumente, erzählen von einer schwierigen Vergangenheit, in der ehemaligen DDR. Und lüften nach und nach ein tragisches Familiengeheimnis, dass bis in die frühen siebziger Jahre zurückgeht. Von falscher Liebe, den perfiden Machenschaften der Stasi über abgelehnte Ausreiseanträge und einem Segelausflug, mit fatalen Folgen, erzählt dieses kleine, feine Buch von Anousch Müller. Davon, dass es mehrere Wahrheiten gibt und dass Schuld nicht immer selbst verschuldet ist.
Ein Toter am Strand von Le Havre, in der Jackentasche ein Kinoticket mit der Telefonnummer einer Frau aus Paris. Ihr ist der Mann unbekannt und doch folgt sie der polizeilichen Aufforderung, reist in die Hafenstadt, um die Leiche zu sehen. Von einer Ahnung getrieben, meandert sie zwischen Kai und Innenstadt umher, auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugend. Längst dachte sie mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen zu haben und doch kommen immer mehr Erinnerungen zurück, alte Wunden werden aufgerissen. Die erste große Liebe, die ein jähes Ende fand, kommt ihr wieder in den Sinn und lässt vermuten, den Toten vielleicht doch zu kennen...
John, Cals Vater, ist schwul. Das stellt sich ziemlich schnell heraus und darf doch nicht gesagt werden. Als Sohn John-Callum, der sich lieber Cal nennt, nach seinem Textilstudium in die presbyterianische Enge der Hebriden, zu Vater und Großmutter zurückkehrt, wird schnell klar, dass auch er seine queere Sexualität nicht ausleben kann. Gefangen in der Eintönigkeit von Wind und Wetter, Schafzucht und Weberei, wendet sich Cal nichtsahnend dem heimlichen Geliebten des Vaters zu. Was nicht ohne Folgen bleibt... Vater und Sohn sind sich ähnlicher, als beide wahrhaben wollen, lieben sich im tiefsten Innern und begegnen sich doch immer wider mit Hass und Härte. Sind blind für die Bedürfnisse des anderen. Gefangen in der kargen, rauen Landschaft einer Umgebung, die ein bisschen mehr Aufrichtigkeit und Herzensgüte gut vertragen könnte. Und am Ende auch bekommt...
Was für ein wuchtiges Buch! Von großer Schönheit, Sehnsucht und Zuversicht. Weniger laut und verstörend als "Shuggie Bain" und "Young Mungo", denen "John of John" jedoch in nichts nachsteht. Und in gewohnt bester Manier von Sophie Zeitz übersetzt ist.
Hallelujah!
Lesen!
Unbedingt Lesen!
Um das einzige und letzte Interview mit seinem ehemaligen Professor zu führen, reist er bis weit an die Ostküste Amerikas. Dumm nur, das er kurz vor dem entscheidenden Augenblick sein Handy im Waschbecken versenkt und plötzlich ohne Aufnahmemöglichkeit dasteht. Warum auch immer, beschließt er Stillschweigen zu wahren, sich alles zu merken und später niederzuschreiben. Was fatale Folgen hat. Alles kommt durcheinander und fällt ihm gehörig auf die Füße. Als er später mit seinem besten Collegefreund das Leben und Wirken des übermächtigen Professors Revue passieren lässt, wird schnell klar, dass die Erzählung der Koryphäe wenig mit der Wahrheit zu tun hat...Am Ende geht es darum, was wir sind, was wir erinnern, und aus welcher Perspektive ein Narrativ erzählt wird. Alles ist relativ und weil wir unser Leben schon lange auf dem Speicher unserer Smartphones abgelegt haben, sollten wir hin und wieder ein lebensechtes back-up machen...