Das ist (k)eine Liebesgeschichte!

Caroline Wahl:"22 Bahnen" (Verlag Dumont) | 22.5.2023

Eintauchen, auftauchen und 22 Bahnen lang an nichts denken. Nicht an die kleine Schwester Ida, die immer weniger spricht, nicht an die Mutter, die sich immer mehr in ihrer Alkoholsucht verliert. Und schon gar nicht an den Freund, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Tilda versucht sich und ihre Schwester über Wasser zu halten, jobbt im Supermarkt, neben ihrem Mathematikstudium, träumt von Berlin, wo sie vielleicht sogar promovieren könnte. Aussichtslos, denn wer sollte sich um Ida kümmern, die gerade mal in die fünfte Klasse kommt. Nie verliert Tilda ihren Mut, ihre Kraft und ihren Willen, das Leben zu rocken. Treibt sich, ihre Schwester und ihre Mutter immer wieder an, hofft dass alles doch noch irgendwie gut wird. Als der ältere Bruder, des verunglückten Freundes plötzlich wieder auftaucht, gerät Tildas Gefühlswelt in Aufruhr. Nichts ist mehr, wie es immer war und Tilda braucht lange um zu begreifen, dass auch ihr jemand die Hand reichen und die Last, die auf ihren Schultern liegt, nehmen möchte. Muss noch einiges passieren, bevor sie Ihrem Herzen erlaubt, sich zu öffnen und am Ende ganze Libellen, statt Schmetterlinge im Bauch zu fühlen. Erst die kleine Ida gibt den entscheidenden Impuls...
Trotz prekärer Verhältnisse, gibt es viel Schönes und Gutes in diesem großartigen Debut. Zwei starke Mädchen, die über sich hinauswachsen und dem Glück einen Stuhl vor die Tür stellen.
Ein kraftvolles, zartes, spannendes und sehr versöhnliches Buch. Fast ein Heldinnenepos! Man hat immer eine Wahl (meistens jedenfalls) und das ist gut zu wissen!
Wer Annika Büsings "Nordstadt" gerne gelesen hat (wer eigentlich nicht?), etwas ratlos nach Anschlussliteratur sucht, wird sich hier sehr zu Hause fühlen.
Lesen!
Unbedingt lesen!

 

 

 


Schöne Neue Welt

Anthony McCarten:"Going Zero" (Verlag Diogenes) | 16.5.2023
Zehn Probanden, das Social-Media Unternehmen "Fusion", jede Menge Drohnen und 30 Tage Zeit. Sollte es keinem der Teilnehmer gelingen, unentdeckt zu bleiben, winkt ein milliardenschwerer Deal mit der Regierung. Für jeden, der es schafft unter dem Radar der totalen Überwachung zu fliegen, gibt es immerhin drei Millionen Dollar. Schnell werden die ersten "Zeros" dingfest gemacht. Kaitlyn, eine junge Bibliothekarin aus Bosten, die ein bis dahin fast analoges Leben geführt hat, setzt alles auf eine Karte, riskiert ihr Leben und führt den Medien-Mogul Cy Baxter gehörig an der Nase herum. Und dann ist da noch James Kenner, dem es weder um Geld noch Reputaion seiner Maskierungs-Technik geht. Wenn sein Programm richtig angewendet wird, gelingt es im world wide web wieder unsichtbar zu werden. Der Eine will alles über uns wissen, noch bevor man es selbst weiß. So könnten Amokläufe und Massaker, politische Umstürze und sogar Pandemien vorausgesehen und vermieden werden. Der Andere will jedem, der irgendwann eine (falsche) Spur hinterlassen hat, die Möglichkeit geben, sein digitales Leben auf Null zu setzten und neu anzufangen.
Je länger Kaitlyn & Co. verschwunden bleiben, umso härter greift Fusion durch. Das Projekt "Betatest" nimmt erschreckende Formen an, gerät zunehmend aus den Fugen und auf kriminelle Abwege. Die Geheimdienste und Cy Baxter lassen ihre Muskeln spielen...
Das ist völlig irre und so spannend! Ein Wahnsinn! Erschreckend, wie einfach wir zu finden und dingfest zu machen sind. Wo wir überall Spuren hinterlassen und was das bedeuten kann. Wie und wo wir der totalen Überwachung ausgesetzt sind. Will man wirklich so leben?
Tolles Buch!
Lesen!
Unbedingt lesen!

Game over!

Gabrielle Zevin: "Morgen Morgen und wieder Morgen" (Verlag Eichborn) | 10.4.2023
Von den 90er Jahren in Massachusetts bis in die 00er Jahre nach Kalifornien, geht die Reise drei verrückter Gamer, auf der sie beste Freund:innen werden, große Pläne schmieden und Harvard und Co. sausen lassen, um (endlich) das perfekte Computerspiel selbst zu entwickeln. Was der Eine nicht kann, weiß die Andere, jeder hat genau das richtige Talent. Die Firma "Unfair Games" ist schnell gegründet, das erste Spiel verkauft sich millionenfach. Sadie wird als Frau in der Welt der "Super-Marios" so erfolgreich, wie kaum ein anderer Spieleerfinder und beweißt, dass frau durchaus sexy UND genial sein kann. Sam, der seine "Sache mit dem Fuß" an einen Avatar weitergibt wird geliebt und vereehrt, ist das Gesicht der Firma. Marx, als engagierter Produzent, gibt dem Trio den letzten Schliff und sorgt für die perfekte Promo. Ein Leben in Saus und Braus beginnt aber nie ohne die Arbeit aus dem Blick verlieren, neue Spiele zu entwickeln und sich mit der Kehrseite des Erfolgs rumzuschlagen. Denn auch Scheitern gehört dazu und muss verkraftet werden. Und was passiert, wenn aus Freundschaft plötzlich Liebe wird und einer der drei das Nachsehen hat? Während Flugzeuge in Wolkenkratzer fliegen und digitale Parallelwelten immer radikaler werden, ist es schwer, seinen Idealen treu zu bleiben. Die Welt spielt verrückt und ausgerechnet eine virtuelle Regenbogenhochzeit öffnet die Dose der Pandora und bringt die Superstars zu Fall...
Wow! Was für ein Buch! Das ist so inspirierend und macht unglaublich gute Laune. Sollte man immer zur Hand haben! Genial! Grandios! Ein Buch über Arbeit, Freundschaft, Liebe und die Frage, was im Leben wirklich zählt!
Lesen!
Unbedingt lesen!

Polizisten verstehen Polizistinnen nicht-wollen sie aber nackt sehen

A.L.Kennedy:"Als lebten wir in einem barmherzigen Land" (Verlag Hanser) | 27.3.2023

Die Königin der angelsächsischen Literatur bittet zu Tisch. Es ist angerichtet, die Messer sind gewetzt und das Mahl nur schwer verdaulich. Während der Lockdown die Bewohner des noch vereinten Königreichs, in ihre Festungen der Einsamkeit zwingt, ihnen manchmal sogar ihr Obdach, auf alle Fälle ihre  Zuversicht nimmt, feiern die Politiker rauschende Feste. Pornographie und Glückspiel haben Hochkunjuktur. Die Polizei ist blind auf beiden Augen, kultiviert im Ausnahmezustand ihren Rassismus ihren Hass gegen Frauen, ihre Lust am Unterdrücken und diese uniforblaue, toxische Männlichkeit.
Während Anna zu Annanka Ladystrong und wieder zu Anna wird, sich radikalisiert um am Ende als Grundschullehrerin das bisschen Freude in ihre Schulklasse zu tragen, dass ihr noch geblieben ist, lichtet sich ihre Vergangenheit. Wir erfahren viel und doch nicht alles. Ahnen, warum Buster das sein musste, was er war und fragen uns wie gerecht die Ungerechtigkeit sein kann. Ist ein Killer nicht auch ein barmherziger Mensch, weil er die aus dem Weg räumt, die das Gute im Menschen mit Füßen treten? Darf man Verräter verraten? Gibt es die Möglichkeit eines besseren Lebens? Wem kann man trauen und wie gut kennt man eigentlich sich selbst?
Ein irres, wirres Buch, dass einem viel abverlangt. Tief legt A. L. Kennedy den Finger in die Wunde Großbritanniens. Erzählt von Korruption und Niedertracht. Ein ganzes Volk wird im Stich gelassen, an der Nase herumgeführt, während einige wenige sich bereichern. Politiker und Polizisten sind korrupt statt kooperativ und lassen ihre Schutzbefohlenen ohne mit der Wimper zu zucken, über die Klinge springen.
Das ist groß! Das ist ganz groß! Das ist Literatur in ihrer höchsten Form! Eine königliche Abrechnung über ein Königreich, dem Glanz und Gloria schon lange abhanden gekommen ist. Und wohl so wahrhaftig, dass es in England (erstmal) nicht velegt wurde und einzigartig in deutscher Übersetzung erschien, wie immer von Ingo Herzke und dieses Mal noch zusätzlich von Susanne Höbel.
Lesen!
Unbedingt lesen!
 


Warum wir sind wie wir sind

Paul Brodowsky:"Väter" (Verlag Suhrkamp) | 20.3.2023

Während Paul versucht ein guter Vater zu sein, die Kinder im homeschooling bei Laune zu halten, sich die Arbeitszeit in der Kreuzberger "Schreibwohnung"  mit seiner Frau gerecht zu teilen, stößt er immer wieder an die Grenzen seiner Geduld, seiner Kreativität und sitzt vor leeren Seiten. Die erste Schreibblockade bahnt sich an. Zu viel Verantwortung, Kinderchaos und Familienorganisation bremsen den erfogsverwöhnten Autor aus. Sein neues Buch soll die Topographie seiner Herkunft sein. Bei der Recherche wird Paul immer wieder tief in die Vergangenheit zurückgeworfen und umgetrieben von eigenen Erinnerungen. Durch intensive Gespräche mit dem Vater, kommt Paul erstmals wirklich in die Nähe seiner Familiengeschichte, die von vielen Brüchen und dunklen Flecken erzählt. Der Vater, geprägt von der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Stuhm, der Onkel ein Kriegsgeschäftsführer in der NSDAP, die Fluchtgeschichte und ostpreußische Vergangenheit der Mutter. Als achtes und letztes Kind einer eher kontaktlosen und wenig liebevollen Erziehung, erinnert er sich an körperliche Züchtigung, pubertäre Rebellion, erste Liebe und die Angst, niemals gut genug zu sein. Um genau hinschauen zu können, muss man ehrlich mit sich selbst sein. Wieviel Vater steckt in Paul? Wie die patriachalen Strukturen der Väter und Goßväter durchbrechen und eigene Lebenskonzepte entwerfen. Welche Ideale können wir neu denken und an unserer Kinder weitergeben?
Tolles Buch über den "Fluch der Familie" und die Haut, aus der wir nicht immer so einfach rauskommen. Egal wie progressiv wir sind oder sein wollen.
Lesen!
Unbedingt Lesen!


Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd!

Alba de Céspedes:"Aus ihrer Sicht" ( Verlag Insel)) | 14.3.2023
Während Mussolini Italien fest im Griff hat, verucht Alessandra sich aus den Fängen des strengen, verbitterten Vaters zu befreien und zu emanzipieren. Schon ihre Mutter, die im Freitod die einzige Chance sah, selbstbestimmt zu handeln, glaubte an die Möglichkeit von Glück und einer großen Liebe, trotz  patriachalischen Strukturen. Unter dem Joch dominanter Ehemänner, den Schrecken des Krieges und ständiger Entbehrungen, ist es den Frauen kaum möglich sich selbst, geschweige denn Wünsche, Träume und höherer Ziele einzufordern. Egal ob Faschisten oder Partisanen: Gleichberichtigung existiert nur unter Männern. Als Alessandra auf den Antifaschisten Francesco trifft, ihn heiratet und sie einander in tiefer Liebe verbunden sind, politisiert sich die junge Frau gegen seinen Willen. Während man auf das Kriegsende wartet, Francesco im Gefängnis sitzt, Alessandra mutig Bomben unter Erbsen und Salatköpfen schmuggelt, hofft sie auf die Möglichkeit eines Neuanfangs. Eine Beziehung auf Augenhöhe, gleichberechtigt und glücklich. Als sie feststellen muss, dass ihr Mann zwar unversehrt zu ihr zurückkehrt, doch seine hierarchische Vorstellung von Ehe und einem gemeinsamen Leben, haben Widerstand und Faschismus überlebt. Die Rückkehr an den Herd und in die traurige Sprachlosigkeit einer ungleichen Partnerschaft, stehen unweigerlich bevor. Für die enttäuschte junge Frau gibt es nur einen Ausweg.
Aus ihrer Sicht, wird Alessandra später vor Gericht, über die Tragödie einer großen Liebe erzählen. Über einen Mord als Akt des Widerstands gegen die mörderische Institution Ehe...
Nicht nur Annie Ernaux und Elena Ferrante waren von Alba de Céspedes tief beeindruckt. Ihre Stimme, ihre durchaus feministischen Romane haben ganze Generationen junger Frauen beeinflusst und schon früh Italiens verkrustete Strukturen in Frage gestellt.
Lesen!
Unbedingt lesen!

Herr der Ringe 2.0!

Caroline Ronnefeldt:"Quendel" (Verlag Ueberreuter) | 7.3.2023
Wer Lust auf richtig gute Fantasy hat, und die Abenteuer der Hobbits in- und auswendig kennt, ist hier genau richtig. Gerade ist der abschließende Band der Trilogie erschienen. Grund genug, den Auftakt nochmal unter die Lupe zu nehmen. Während die Quendel, ein friedvolles und fröhliches Völkchen, in Finsters Unterwelt vordringen, um den verschwundenen Bullrich Schattenbart zurückzuholen, ereignen sich in ihrem Dorf schreckliche Dinge. Nebelwesen und Widergänger, Nachtmahre und Werwölfe, Chimären und Sturmvögel treiben ihr Unwesen. Die Schauergeschichten, die sonst nur gemütlich am Kamin erzählt werden, nehmen Gestalt an und versuchen das Böse über Grünlohe zu bringen. Vier mutige Gesell:innen, stellen sich dem Unheil entgegen. Sie straucheln und stehen wieder auf, verfallen dem Zauber der Macht und bringen sich gegenseitig auf den rechten Weg zurück, trotzen gemeinsam größten Gefahren und schlimmsten Versuchungen ...
Was für eine Saga! So spannend, dass man es kaum aushalten kann! Das Personal ist hinreißend, frech, charmant und äußerst einfallsreich. Die Sprache ist wunderbar altertümlich und hoch literarisch. Man rast durch opulente 445 Seiten, kann nicht aufhören und ist froh, dass die nächsten beiden Bände schon bereit liegen! Ein Wahnsinn, dieses Buch - und ganz großes Kino!
Also: Schotten dicht und alles klar machen zum Abtauchen!
Lesen!
Unbedingt Lesen!

Umwege erhöhen die Ortskenntnis!

Annika Büsing:"Koller" (Verlag Steidl) | 3.3.2023

Eigentlich sollte die Fahrt an die Ostsee gehen, nicht länger als vier Stunden dauern und vielleicht in einem verliebten Sonnenuntergang enden.
Allerdings braucht es dann doch einige Tage - der Weg ist das Ziel. Ein aufregender Roadtrip in einer alten Klapperkiste führt Chris und Koller über Kassel und Ludwigsburg bis in die Eifel, die gerade absäuft, und tief in die jeweiligen Vergangenheiten der jungen Männer. Eine Schwester "mit Einschränkung" muss dringend besucht werden, mit einer Tochter, die es eigentlich gar nicht geben sollte - endlich den ersten Kontakt herstellen, außerdem warten die Kois der Großmutter auf Rettung. Auf der Suche nach Identität und dem Sinn des Lebens haben sich beide gegen ihre Familien und viele Konventionen entschieden, sind harte Jungs geworden und können doch aus dem Nichts in Tränen ausbrechen, tragen ihre Herzen auf der Zunge. Sie muten sich allerhand zu, fürchten ihre eigene Courage und stehen sich immer wieder selbst im Weg. Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, Angst vor zu viel Nähe und die dringende Sehnsucht danach, stellt die beiden jungen Helden auf eine große Probe. Was ist Liebe und wie sich einlassen, ohne ein Risiko einzugehen? Wann ist es Zeit sich der Wahrheit zu stellen, die Karten auf den Tisch zu legen und "all in" zu spielen? Das Leben will gelebt werden und ohne Vergangenheit, gibt es keine Zukunft ...
Himmel, Arsch und Zwirn, was für ein grandioses Buch!
Eine Hommage an das Gute, Wahre und Schöne! Eine Ode an die Liebe und die Kraft der Zuversicht! Liebe ist wie Zucker: schlecht für die Zähne aber ohne schmeckt alles etwas fad. Mit Karacho, herrlicher Situationskomik und einer bittersüßen Zartheit zeigt uns dieser famose Entwicklungsroman, dass alles möglich ist. Wenn man es nur zulässt ...  Bitte mehr davon, liebe Frau Büsing. Das brauchen wir in dieser trüben Zeit!
Lesen!
Unbedingt lesen!


Tatortreiniger auf japanisch

Milena Michiko Flasar:"Oben Erde, unten Himmel" (Verlag Wagenbach) | 28.2.2023
Wissen Sie überhaupt, wer so alles in Ihrem Haus wohnt? Kennen Sie Ihre Nachbarn? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? Wie alt sind sie? Haben sie einen Hund oder Goldfische? Und wie war noch gleich der Name von "rechts unten" im Erdgeschoss?
Tja, der arme Herr Ono jedenfalls ist unbemerkt und ganz allein verstorben. Erst als es anfängt, komisch zu riechen, kommt die Putzkolonne von Herrn Sakai auf den Plan. Und alle wundern sich immer wieder, wie es sein kann, dass Nachbarn aus dem Leben scheiden, ohne vom Rest des Mietshauses vermisst zu werden. Gibt's doch gar nicht, denkt Suzu, die selber eher zurückgezogen lebt und mit nichts und niemandem etwas zu tun haben will. Als sich ihr Hamster, der einzig zu ertragende Mitbewohner, plötzlich von ihr abwendet, ihr Chef im Restaurant sie vor die Tür setzt, weil die Gäste angeblich ihre stoische Art nicht mehr ertragen können, kommt Suzu ins Grübeln ...
Erst der neue job bei der "Reinigungsfirma der ganz besonderen Art" zeigt Suzu, dass man sich nicht nur einen unempfindlichen Magen antrainieren kann, sondern auch ein gewisses Interesse an seinen Mitmenschen. Und dass es am Ende sogar mehr Spaß macht, "gemeinsam einsam" zu sein, als allein. Herr Sakai und ihre neuen Mitarbeiter, die alle ein bisschen schräg unterwegs sind, lassen Suzu gesellschaftsfähig werden, Empathie entwickeln und bringen sogar den Hamster wieder dazu, aus seinem Häuschen zu kommen ...
Schön schrullig, herrlich skurril und auf ganz bezaubernde Art lernen wir, dass es nicht immer gut ist, seine Unzulänglichkeiten zu kultivieren und dass man auf der Welt nicht allein ist.
Lesen!
Unbedingt lesen!

Zwischen den Fronten

Franziska Gerstenberg:"Obwohl alles vorbei ist" (Verlag Schöffling & Co.) | 27.2.2023
Eine rote Linie quer durchs Haus. Tochter und Sohn zwischen den Eltern aufgeteilt. So sieht der geplatze Traum von Familie aus, an dem Charlotte und Simon viel zu lange festgehalten haben. Dass Kinder sich nichts vormachen lassen und Erwachsene schneller an sich selbst scheitern als gedacht, wird uns hier mit Bravour vor Augen geführt. Der Wunsch von etwas entspricht selten dem, was daraus wird. Stolz und falsche Selbsteinschätzung, Optimierungswahn und zu hoch gesteckte Ziele hindern uns oft daran, die Wahrheit zu erkennen, uns selbst richtig zu verorten und das Leben so zu sehen, wie es ist und nicht, wie wir es gerne hätten.
Erst ein schwerer Schicksalsschlag, ein langer Trauerprozess und die Frage, wie man weitermachen kann, "obwohl doch alles vorbei ist", lassen Simon und Charlotte eine Möglichkeit finden, dem Leben und sich selbst offen und ehrlich gegenüber zu treten und einen neuen Weg zu finden.
Hart an der Schmerzgrenze balanciert Franziska Gerstenberg zwischen Traum und Albtraum, dem ganz normalen Wahnsinn aus Liebe, Sehnsucht und unerfüllten Erwartungen. Glück und Unglück liegen dicht beieinander.
Ein Buch, das unter die Haut geht! Sehr beeindruckend!
Lesen!
Unbedingt!