Schwester, wo bist Du?

Anousch Mueller "Lori" (Verlag C.H.Beck) | 17.8.2026
Obwohl Leni mit ihren fünf Geschwistern eine schöne Kindheit, auf einem umgebauten Bahnhof in Thüringen, hatte, ist ihr ganzes Leben von einer Lehrstelle geprägt. Einer Lücke über die niemand spricht und die erst spät einen Namen hervorbringt: Lori. Warum weder Vater noch Mutter das Kind, dass diesen Namen trug, je erwähnten und was es mit dieser ersten Tochter auf sich hat, erfährt Leni erst spät, als sie schon selbst erwachsen ist. Ein alter Mutterpass, nie abgeschickte Briefe und eine Kiste voll vergessener Bilder und Dokumente, erzählen von einer schwierigen Vergangenheit, in der ehemaligen DDR. Und lüften nach und nach ein tragisches Familiengeheimnis, dass bis in die frühen siebziger Jahre zurückgeht. Von falscher Liebe, den perfiden Machenschaften der Stasi über abgelehnte Ausreiseanträge und einem Segelausflug, mit fatalen Folgen, erzählt dieses kleine, feine Buch von Anousch Müller. Davon, dass es mehrere Wahrheiten gibt und dass Schuld nicht immer selbst verschuldet ist.
Ein spannendes Psychogramm einer Generation, die von politischen Um- und Zuständen getrieben wurde und deren Kinder die Wunden der Verschwiegenheit davontragen.
Großartig!
Lesen!
Unbedingt Lesen!
 

Alte Liebe rostet nicht

Lily King:"Herz König" (Verlag C.H.Beck) | 26.7.2026
Bevor sie als gefeierte Schriftstellerin ihre Leser:innen mit gut funktionierenden Liebesgeschichten versorgt, wird Jordan die eigene, erste große Liebe immer im Nacken sitzen und völlig unberechenbar sein. Während des Studiums bestimmen Sam und Yash ihr Schicksal, dass zwischen Literatur, Freundschaft und Liebe rangiert. Als sich Jordan irgendwann für Yash entscheidet, ist sie sich sicher, dass er der Richtige ist. Vor Sam werden die ersten Jahre geheimgehalten und später gibt es nie den richtigen Zeitpunkt, ihn einzuweihen.  Kurz bevor es wirklich ernst wird, bekommt Yash kalte Füße, kratzt die Kurve und lässt Jordan sitzen. Und auch Sam verschwindet sang- und klanglos aus ihrem Leben.  Jordan fällt tief und braucht lange, um über Yash hinwegzukommen und sich mit ihrem gebrochenen Herzen zu arrangieren.
Jahrzehnte später reißt eine Nachricht von Sam, ihr den Boden unter den Füßen weg. Sofort macht sie sich auf den Weg, ihrer alten Liebe noch einmal zu begegnen...
Manchmal ist die erste Liebe so groß und prägend, dass man sie nie so richtig los wird. Ein Anruf genügt und die letzten Jahre sind wie weggewischt und alte Gefühle sofort wieder da.
Das ist ein echter Liebesroman, schön, verzwickt und am Ende sehr, sehr traurig.
Achtung: Taschentuchalarm! Der erste Teil ist etwas belanglos. Bitte durchhalten. Es lohnt sich!
Lesen!
Unbedingt lesen!

Kollateralschaden

Maylis de Kerangal:"Brandung" (Verlag Suhrkamp) | 17.5.2026
Ein Toter am Strand von Le Havre, in der Jackentasche ein Kinoticket mit der Telefonnummer einer Frau aus Paris. Ihr ist der Mann unbekannt und doch folgt sie der polizeilichen Aufforderung, reist  in die Hafenstadt, um die Leiche zu sehen. Von einer Ahnung getrieben, meandert sie zwischen Kai und Innenstadt umher, auf den Spuren ihrer Kindheit und Jugend. Längst dachte sie mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen zu haben und doch kommen immer mehr Erinnerungen zurück, alte Wunden werden aufgerissen. Die erste große Liebe, die ein jähes Ende fand, kommt ihr wieder in den Sinn und lässt vermuten, den Toten vielleicht doch zu kennen...
Mystisch und spannend wird nicht nur von einer verlorenen Liebe erzählt, sondern auch die tragische Geschichte einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg durch alliierte Luftangriffe fast vollständig zerstört wurde und später durch moderne Betonbautechnik, wie ein Phönix aus der Asche, neu erschaffen wurde.
Berührend, spannend und höchst psychologisch, bewegt sich Maylis de Kerangal zwischen Kriminalroman und Erzählung, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Das ist Literatur, wie sie sein soll!
Aus dem französischen hervorragend übersetzt von Andrea Spingler.
Lesen!
Unbedingt lesen!

Queere Gene

Douglas Stuart:"John of John"(Verlag Hanser) | 6.5.2026

John, Cals Vater, ist schwul. Das stellt sich ziemlich schnell heraus und darf doch nicht gesagt werden. Als Sohn John-Callum, der sich lieber Cal nennt, nach seinem Textilstudium in die presbyterianische Enge der Hebriden, zu Vater und Großmutter zurückkehrt, wird schnell klar, dass auch er seine queere Sexualität nicht ausleben kann. Gefangen in der Eintönigkeit von Wind und Wetter, Schafzucht und Weberei, wendet sich Cal nichtsahnend dem heimlichen Geliebten des Vaters zu. Was nicht ohne Folgen bleibt... Vater und Sohn sind sich ähnlicher, als beide wahrhaben wollen, lieben sich im tiefsten Innern und begegnen sich doch immer wider mit Hass und Härte. Sind blind für die Bedürfnisse des anderen. Gefangen in der kargen, rauen Landschaft einer Umgebung, die  ein bisschen mehr Aufrichtigkeit und Herzensgüte gut vertragen könnte. Und am Ende auch bekommt...
Was für ein wuchtiges  Buch! Von großer Schönheit, Sehnsucht und Zuversicht. Weniger laut und verstörend als "Shuggie Bain" und "Young Mungo", denen "John of John" jedoch in nichts nachsteht. Und in gewohnt bester Manier von Sophie  Zeitz übersetzt ist.
Hallelujah!
Lesen!
Unbedingt Lesen!

 

 


Lost in Transkription!

Ben Lerner."Transkription"(Verlag Suhrkamp) | 23.4.2026
Um das einzige und letzte Interview mit seinem ehemaligen Professor zu führen, reist er bis weit an die Ostküste Amerikas. Dumm nur, das er kurz vor dem entscheidenden Augenblick sein Handy im Waschbecken versenkt und plötzlich ohne Aufnahmemöglichkeit dasteht. Warum auch immer, beschließt er Stillschweigen zu wahren, sich alles zu merken und später niederzuschreiben. Was fatale Folgen hat. Alles kommt durcheinander und fällt ihm gehörig auf die Füße. Als er später mit seinem besten Collegefreund das Leben und Wirken des übermächtigen Professors Revue passieren lässt, wird schnell klar, dass die Erzählung der Koryphäe wenig mit der Wahrheit zu tun hat...Am Ende geht es darum, was wir sind, was wir erinnern, und aus welcher Perspektive ein Narrativ erzählt wird.  Alles ist relativ und weil wir unser Leben schon lange auf dem Speicher unserer Smartphones abgelegt haben, sollten wir hin und wieder ein lebensechtes back-up machen...
Was für eine großartige Parabel auf die Welt der Technik, die nur was taugt, wenn sie funktioniert und wie abhängig wir uns von ihr gemacht haben. Ein Leben ohne Handy ist möglich aber kaum nochvorsttellbar.
Großartig! Famos! Wunderbar übersetzt von Nikolaus Stingl!
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Unbedingt lesen!

Namaste!

Kiran Desai:"Die Einsamkeit von Sonia und Sunny" (Verlag S.Fischer ) | 20.4.2026
Bis Sonia und Sunny endlich zusammenkommen, müssen die beiden so einiges aushalten.Toxische Beziehungen, herrische Mütter,ein immer währendes Gefühl großer Einsamkeit und die Sehnsucht nach Heimat und Identität. Zwischen Indien und Amerika wird alles verhandelt, was die unterschiedlichen Kulturen ausmacht, unterscheidet und was sie eint. Vom Leben in postkolonialen Strukturen, in Zeiten von Korruption, der Gier nach Macht, Geld und Ansehen bis hin zum Traum vom großen Glück, wird hüben wie drüben, auf Gefühle keine Rücksicht genommen. 
Indische Eltern, Großmütter, Tanten und Onkel haben überall ein Wörtchen mitzureden. Rette sich wer kann! Doch wie rettet man sich und seine Liebe in globalen Zeiten? Wie überwindet man kulturelle Entfremdung zwischen Tradition und Moderne? Wie begegnet man Rassismus, wenn nach 9/11 plötzlich jeder Migrant ein Terrorist ist? 
Von Goa bis New York, zwischen ominösen Geisterhunden und morbiden Kunstinstallationen,  kämpfen sich Sonia und Sunny tapfer durch 745 Seiten indischen Essens, amerikanischem "way of living" und Bollywood-Familiendramen
Manchmal herzzerreißend traurig und dann wieder zum brüllen komisch. Wahnsinnig schön, irre spannend und so bunt und opulent, wie ein indisches Festmahl.
Großartig von Robin Detje übersetzt!
Lesen!
Unbedingt lesen!

Von Koboldmüttern und künstlichen Intelligenzen

Markus Orths: "Die Enthusiasten" (Galiani Verlag) | 24.3.2026
Zum zweihunderfünfzigsten Todestag von Laurence Sterne treffen sich, wie jedes Jahr in Coxwold, die drei Enthusiasten Bianca, Ole und Vince.  Mit einem anonymen Hinweis auf einen zehnten Band des "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" (bisher sind nur neun Bücher bekannt und erschienen), kommt Bewegung in die ehrfürchtige Runde - und sehr viel kriminelle Energie.  150.000 Pfund soll der literarische Schatz kosten und Vince, der Verrückteste von allen, lässt nichts unversucht, um an dieses Werk zu kommen. Vom misslungenen Banküberfall  über eine verrückte Entführung, bis hin zu  einer beißwütigen Ratte im Toilettengeysir eines Massagesalons, zieht Markus Orths alle Register des Absurden. Eine Tour de Force, bei der mindestens ein Ohrläppchen abhanden kommt, mysteriöse Frauen ihr Unwesen treiben und ein existenzielles Rätsel gelöst werden will.
Heidewitzka, was für ein großer Lesespaß! Wer nicht gerade zum Lachen in den Keller geht, ist hier bestens unterhalten. Herrliche Verweise auf alte Filme, neue Serien und viele, viele Bücher, die man eigentlich gleich und sofort wieder lesen will. Und wer sich noch nie mit dem wunderbaren Gentleman "Tristram Shandy" beschäftigt hat, wird es mit den "Enthusiasten" zumindest in Erwägung ziehen...
Lesen!
Unbedingt lesen!

Europa unterm Brennglas

Safae El Khannoussi: "Oroppa" (Verlag Hanser) | 17.3.2026
Casablanca, Tunis, Paris, Amsterdam, sind einige Stationen der jüdisch-marokkanische Künstlerin und politischen Dessidentin Salome´ (Salma) Abergel. Auf der Höhe ihres Ruhms  verschwindet Selma sang- und klanglos aus Amsterdam, versetzt ihre Galeristin in Panik und all die schrägen Vögel, die Salma ihre Freunde nennt, in Sorge . Auf der Suche nach ihr, geht die Odysse zurück an ihren Ursprung, taucht tief in die Geschichte Nordafrikas ein. Aus postkolonialer Sicht wird ein anderes Europa freigelegt, ein Europa der Gewalt und Unterdrückung. Böse Geister und ehemalige Folterknechte tauchen auf und treiben ihr Unwesen. In einem fiktiven Bezirk in Amsterdam,leben ausgegrenzte Migranten, traumatisierte Opfer und ehemalige Täter, Seite an Seite und wehe, wenn sie sich durch Zufall wieder begegnen... Eine unfreiwillige Gemeinschaft, die sich aneinander festhält, mit schlechten Angewohnheiten, zu viel Alkohol und kiloweise Gras gegenseitig retten will.
Chaotisch und unübersichtlich wie Ihr Leidens- und Lebensweg ist auch Salmas Verschwinden und alle, die Ihr auf die Spur kommen, müssen einsehen, dass es kein Zurück gibt.
Was für ein wildes, pralles, großartiges Stück Literatur. Zum Brüllen komisch und tragisch zugleich. Irre gut geschrieben und irre gut aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel übersetzt. Chapeau!

"Himmel Arsch und Zwirn"(würde Salma jetzt sagen)
Lest verdammt nochmal dieses Buch!

Überleben in schweren Zeiten

Svenja Leiber "Nelka" (Verlag Suhrkamp) | 6.3.2026
Was ein Mensch alles aushalten, ertragen und überleben kann, erzählt Svenja Leiber auf so klare, erschütternde Weise, dass "Nelka" einen lange nicht loslässt.
1941 wird das junge Mädchen aus Lemberg nach Norddeutschland verschleppt und als Zwangsarbeiterin auf einem deutschen Gutshof verpflichtet. Allein ihr Wissen über Pomologie, den Anbau von Äpfeln, ihre Sortenerhaltung und das Anlegen einer Obstplantage, rettet ihr das Leben und beschert Gutsverwalter Marten, für Jahre eine ertragreiche Ernte. Kleine Zugeständnisse ermöglichen ihr, im Gegensatz zu vielen Leidensgenoss:innen, trotz schwerster Arbeit, Hunger, Kälte und Krankheiten, den Krieg zu überleben. Selbst der Zudringlichkeit des Gutsverwalters kann sie lange trotzen und sogar dessen Frau, die Stirn bieten. Zurück in ihrer alten Heimat, steckt Nelka das Leiden, die Angst und das ungewollte Vermächntnis des Verwalters noch viele Jahre in den Knochen. Deshalb beschließt sie Marten noch einmal aufzusuchen und ihn mit der Erinnerung zu konfrontieren. Am Ende weiß Nelka, dass auch der Gutsverwalter die Geister, die er rief niemals losgeworden ist und kann sich endlich befreien.
Rund 20 Millionen Menschen mussten im "Deutschen Reich" Zwangsarbeit leisten, wurden geschunden, ausgebeutet und ermordet, wenn sie nicht mehr von Nutzen waren. Viele von Ihnen wurden nach dem Krieg zu displaced persons. Ohne Heimat, ohne Zukunft. Nelka hatte Glück und am Ende einen Weg gefunden, dem Leben die Arme zu öffnen.
Auf großartige Weise schafft Svenja Leiber den Leser:innen diesen Albtraum nahezubringen und die Grausamkeiten auszuhalten. Es wird alles nur angedeutet und doch springt das Kopfkino sofort an. Das ist eine literarisches Meisterwerk!
Lesen!
Unbedingt lesen!

Wenn alle Stricke reißen!

Dita Zipfel "Es ist hell und draußen dreht sich die Welt" (Verlag Insel) | 27.2.2026
Linn und Matze wollen unbedingt Eltern werden, Eva und Felix haben bereits zwei Kinder.
Während Linn darauf warten muss, dass ihr ein perfekt gereifter Embryo eingesetzt wird, ist Eva schon wieder schwanger. Ihr Mann hat keine Ahnung und Eva weiß selber nicht so genau, ob sie das dritte Kind überhaupt noch will. Die zwei ungleichen Paare sind in einem luxuriösen Frankreichurlaub, den Felix, wie immer, für seinen besten Freund und dessen Frau spendiert. Überhaupt sind die beiden "Jungs", wie sie sich selbst gerne nennen, schon ewig befreundet, während die Frauen nicht wirkich viel miteinander anfangen können.
Neidisch beobachtet Linn, wie mühelos Eva mit den Kindern, dem Stillen und Trösten, dem Schlafmagel und dem unfähigen Ehemann zurecht kommt. Doch je genauer Linn hinschaut umso mehr erkennt sie Risse in Evas perfekter Fassade.
Als gut gehütete Geheimnisse auf den Tisch kommen, eskaliert die Urlaubssituation, die Frauen verbünden sich, die Männer werden ausgesperrt und endlich über die echten Fragen des Lebens nachgedacht.
Großartiges, krasses Buch! Total aktuell, super spannend und erinnert an Fallwickels "Die Wut die bleibt".
Lesen!
unbedingt lesen!