
Eintauchen, auftauchen und 22 Bahnen lang an nichts denken. Nicht an die kleine Schwester Ida, die immer weniger spricht, nicht an die Mutter, die sich immer mehr in ihrer Alkoholsucht verliert. Und schon gar nicht an den Freund, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Tilda versucht sich und ihre Schwester über Wasser zu halten, jobbt im Supermarkt, neben ihrem Mathematikstudium, träumt von Berlin, wo sie vielleicht sogar promovieren könnte. Aussichtslos, denn wer sollte sich um Ida kümmern, die gerade mal in die fünfte Klasse kommt. Nie verliert Tilda ihren Mut, ihre Kraft und ihren Willen, das Leben zu rocken. Treibt sich, ihre Schwester und ihre Mutter immer wieder an, hofft dass alles doch noch irgendwie gut wird. Als der ältere Bruder, des verunglückten Freundes plötzlich wieder auftaucht, gerät Tildas Gefühlswelt in Aufruhr. Nichts ist mehr, wie es immer war und Tilda braucht lange um zu begreifen, dass auch ihr jemand die Hand reichen und die Last, die auf ihren Schultern liegt, nehmen möchte. Muss noch einiges passieren, bevor sie Ihrem Herzen erlaubt, sich zu öffnen und am Ende ganze Libellen, statt Schmetterlinge im Bauch zu fühlen. Erst die kleine Ida gibt den entscheidenden Impuls...
Trotz prekärer Verhältnisse, gibt es viel Schönes und Gutes in diesem großartigen Debut. Zwei starke Mädchen, die über sich hinauswachsen und dem Glück einen Stuhl vor die Tür stellen.
Ein kraftvolles, zartes, spannendes und sehr versöhnliches Buch. Fast ein Heldinnenepos! Man hat immer eine Wahl (meistens jedenfalls) und das ist gut zu wissen!
Wer Annika Büsings "Nordstadt" gerne gelesen hat (wer eigentlich nicht?), etwas ratlos nach Anschlussliteratur sucht, wird sich hier sehr zu Hause fühlen.
Lesen!
Unbedingt lesen!
Zehn Probanden, das Social-Media Unternehmen "Fusion", jede Menge Drohnen und 30 Tage Zeit. Sollte es keinem der Teilnehmer gelingen, unentdeckt zu bleiben, winkt ein milliardenschwerer Deal mit der Regierung. Für jeden, der es schafft unter dem Radar der totalen Überwachung zu fliegen, gibt es immerhin drei Millionen Dollar. Schnell werden die ersten "Zeros" dingfest gemacht. Kaitlyn, eine junge Bibliothekarin aus Bosten, die ein bis dahin fast analoges Leben geführt hat, setzt alles auf eine Karte, riskiert ihr Leben und führt den Medien-Mogul Cy Baxter gehörig an der Nase herum. Und dann ist da noch James Kenner, dem es weder um Geld noch Reputaion seiner Maskierungs-Technik geht. Wenn sein Programm richtig angewendet wird, gelingt es im world wide web wieder unsichtbar zu werden. Der Eine will alles über uns wissen, noch bevor man es selbst weiß. So könnten Amokläufe und Massaker, politische Umstürze und sogar Pandemien vorausgesehen und vermieden werden. Der Andere will jedem, der irgendwann eine (falsche) Spur hinterlassen hat, die Möglichkeit geben, sein digitales Leben auf Null zu setzten und neu anzufangen.
Die Königin der angelsächsischen Literatur bittet zu Tisch. Es ist angerichtet, die Messer sind gewetzt und das Mahl nur schwer verdaulich. Während der Lockdown die Bewohner des noch vereinten Königreichs, in ihre Festungen der Einsamkeit zwingt, ihnen manchmal sogar ihr Obdach, auf alle Fälle ihre Zuversicht nimmt, feiern die Politiker rauschende Feste. Pornographie und Glückspiel haben Hochkunjuktur. Die Polizei ist blind auf beiden Augen, kultiviert im Ausnahmezustand ihren Rassismus ihren Hass gegen Frauen, ihre Lust am Unterdrücken und diese uniforblaue, toxische Männlichkeit.
Während Anna zu Annanka Ladystrong und wieder zu Anna wird, sich radikalisiert um am Ende als Grundschullehrerin das bisschen Freude in ihre Schulklasse zu tragen, dass ihr noch geblieben ist, lichtet sich ihre Vergangenheit. Wir erfahren viel und doch nicht alles. Ahnen, warum Buster das sein musste, was er war und fragen uns wie gerecht die Ungerechtigkeit sein kann. Ist ein Killer nicht auch ein barmherziger Mensch, weil er die aus dem Weg räumt, die das Gute im Menschen mit Füßen treten? Darf man Verräter verraten? Gibt es die Möglichkeit eines besseren Lebens? Wem kann man trauen und wie gut kennt man eigentlich sich selbst?
Ein irres, wirres Buch, dass einem viel abverlangt. Tief legt A. L. Kennedy den Finger in die Wunde Großbritanniens. Erzählt von Korruption und Niedertracht. Ein ganzes Volk wird im Stich gelassen, an der Nase herumgeführt, während einige wenige sich bereichern. Politiker und Polizisten sind korrupt statt kooperativ und lassen ihre Schutzbefohlenen ohne mit der Wimper zu zucken, über die Klinge springen.
Das ist groß! Das ist ganz groß! Das ist Literatur in ihrer höchsten Form! Eine königliche Abrechnung über ein Königreich, dem Glanz und Gloria schon lange abhanden gekommen ist. Und wohl so wahrhaftig, dass es in England (erstmal) nicht velegt wurde und einzigartig in deutscher Übersetzung erschien, wie immer von Ingo Herzke und dieses Mal noch zusätzlich von Susanne Höbel.
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Unbedingt lesen!
Während Paul versucht ein guter Vater zu sein, die Kinder im homeschooling bei Laune zu halten, sich die Arbeitszeit in der Kreuzberger "Schreibwohnung" mit seiner Frau gerecht zu teilen, stößt er immer wieder an die Grenzen seiner Geduld, seiner Kreativität und sitzt vor leeren Seiten. Die erste Schreibblockade bahnt sich an. Zu viel Verantwortung, Kinderchaos und Familienorganisation bremsen den erfogsverwöhnten Autor aus. Sein neues Buch soll die Topographie seiner Herkunft sein. Bei der Recherche wird Paul immer wieder tief in die Vergangenheit zurückgeworfen und umgetrieben von eigenen Erinnerungen. Durch intensive Gespräche mit dem Vater, kommt Paul erstmals wirklich in die Nähe seiner Familiengeschichte, die von vielen Brüchen und dunklen Flecken erzählt. Der Vater, geprägt von der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Stuhm, der Onkel ein Kriegsgeschäftsführer in der NSDAP, die Fluchtgeschichte und ostpreußische Vergangenheit der Mutter. Als achtes und letztes Kind einer eher kontaktlosen und wenig liebevollen Erziehung, erinnert er sich an körperliche Züchtigung, pubertäre Rebellion, erste Liebe und die Angst, niemals gut genug zu sein. Um genau hinschauen zu können, muss man ehrlich mit sich selbst sein. Wieviel Vater steckt in Paul? Wie die patriachalen Strukturen der Väter und Goßväter durchbrechen und eigene Lebenskonzepte entwerfen. Welche Ideale können wir neu denken und an unserer Kinder weitergeben?
Tolles Buch über den "Fluch der Familie" und die Haut, aus der wir nicht immer so einfach rauskommen. Egal wie progressiv wir sind oder sein wollen.
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Unbedingt Lesen!
Während Mussolini Italien fest im Griff hat, verucht Alessandra sich aus den Fängen des strengen, verbitterten Vaters zu befreien und zu emanzipieren. Schon ihre Mutter, die im Freitod die einzige Chance sah, selbstbestimmt zu handeln, glaubte an die Möglichkeit von Glück und einer großen Liebe, trotz patriachalischen Strukturen. Unter dem Joch dominanter Ehemänner, den Schrecken des Krieges und ständiger Entbehrungen, ist es den Frauen kaum möglich sich selbst, geschweige denn Wünsche, Träume und höherer Ziele einzufordern. Egal ob Faschisten oder Partisanen: Gleichberichtigung existiert nur unter Männern. Als Alessandra auf den Antifaschisten Francesco trifft, ihn heiratet und sie einander in tiefer Liebe verbunden sind, politisiert sich die junge Frau gegen seinen Willen. Während man auf das Kriegsende wartet, Francesco im Gefängnis sitzt, Alessandra mutig Bomben unter Erbsen und Salatköpfen schmuggelt, hofft sie auf die Möglichkeit eines Neuanfangs. Eine Beziehung auf Augenhöhe, gleichberechtigt und glücklich. Als sie feststellen muss, dass ihr Mann zwar unversehrt zu ihr zurückkehrt, doch seine hierarchische Vorstellung von Ehe und einem gemeinsamen Leben, haben Widerstand und Faschismus überlebt. Die Rückkehr an den Herd und in die traurige Sprachlosigkeit einer ungleichen Partnerschaft, stehen unweigerlich bevor. Für die enttäuschte junge Frau gibt es nur einen Ausweg.
Eigentlich sollte die Fahrt an die Ostsee gehen, nicht länger als vier Stunden dauern und vielleicht in einem verliebten Sonnenuntergang enden.
Allerdings braucht es dann doch einige Tage - der Weg ist das Ziel. Ein aufregender Roadtrip in einer alten Klapperkiste führt Chris und Koller über Kassel und Ludwigsburg bis in die Eifel, die gerade absäuft, und tief in die jeweiligen Vergangenheiten der jungen Männer. Eine Schwester "mit Einschränkung" muss dringend besucht werden, mit einer Tochter, die es eigentlich gar nicht geben sollte - endlich den ersten Kontakt herstellen, außerdem warten die Kois der Großmutter auf Rettung. Auf der Suche nach Identität und dem Sinn des Lebens haben sich beide gegen ihre Familien und viele Konventionen entschieden, sind harte Jungs geworden und können doch aus dem Nichts in Tränen ausbrechen, tragen ihre Herzen auf der Zunge. Sie muten sich allerhand zu, fürchten ihre eigene Courage und stehen sich immer wieder selbst im Weg. Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, Angst vor zu viel Nähe und die dringende Sehnsucht danach, stellt die beiden jungen Helden auf eine große Probe. Was ist Liebe und wie sich einlassen, ohne ein Risiko einzugehen? Wann ist es Zeit sich der Wahrheit zu stellen, die Karten auf den Tisch zu legen und "all in" zu spielen? Das Leben will gelebt werden und ohne Vergangenheit, gibt es keine Zukunft ...
Himmel, Arsch und Zwirn, was für ein grandioses Buch!
Eine Hommage an das Gute, Wahre und Schöne! Eine Ode an die Liebe und die Kraft der Zuversicht! Liebe ist wie Zucker: schlecht für die Zähne aber ohne schmeckt alles etwas fad. Mit Karacho, herrlicher Situationskomik und einer bittersüßen Zartheit zeigt uns dieser famose Entwicklungsroman, dass alles möglich ist. Wenn man es nur zulässt ... Bitte mehr davon, liebe Frau Büsing. Das brauchen wir in dieser trüben Zeit!
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Unbedingt lesen!
Wissen Sie überhaupt, wer so alles in Ihrem Haus wohnt? Kennen Sie Ihre Nachbarn? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? Wie alt sind sie? Haben sie einen Hund oder Goldfische? Und wie war noch gleich der Name von "rechts unten" im Erdgeschoss?